Jahrestagung 2007 in Kassel

Der Berichtsband zur Tagung "Musik erfinden - Beiträge zur Unterrichtsforschung" (Stadthalle Kassel, 28.-29. September 2007) erscheint im Sommer 2008.

„Musik erfinden“

GMP-Tagung am 28. und 29. September 2007 in Kassel

Von Florian Gatz 

Vom 28. - 29. September 2007 fand die Jahrestagung der GMP statt, die diesmal unter einem Dach mit der Tagung des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS) abgehalten wurde.  Prof. Dr. Frauke Heß (Universität Kassel), bisherige Vorsitzende der GMP,  eröffnete die Tagung mit einer kurzen Einleitung zum Tagungsthema. „Musik erfinden“ sei „nicht beliebig“ sondern „auf Ästhetik zielend“. An einem eigenen Projekt mit Grundschülern zeigte sie, dass Musikerfinden nicht zwangsläufig außermusikalischer oder programmatischer Impulse bedürfe. Gerade das musikimmanente, also das strukturelle und klanglich orientierte Denken könne durch erfindende Tätigkeiten gefördert werden. 

Im Anschluss daran hatten die Teilnehmer die Wahl, einer Podiumsdiskussion zu dem Thema „Musikunterricht zwischen Standardisierung und Individualisierung“ zu folgen oder ein Gesprächsforum zur „Musikalischen Bildung im Vorschulalter“ zu besuchen. Teilnehmer der von Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser (Universität Bremen) moderierten Podiumsdiskussion waren Dr. Thomas Greuel (Universität zu Köln), Dr. Eva Hirtler (Lessing-Gymnasium Karlsruhe), Prof. Dr. Werner Jank (Musikhochschule Mannheim), Prof. em. Dr. Hermann J. Kaiser (Universität Hamburg) und Helmut Weckesser (Freie Waldorfschule Kassel). Konsensfähiges Ergebnis der ansonsten kontroversen Diskussion war, dass die zentralen Begriffe  „Individualisierung“ und „Standardisierung“ kaum sinnvoll als Gegenpole auf einer Ebene gedacht werden können. Das zeitgleich stattfindende Gesprächsforum wurde von Dr. Jan-Peter Koch (Rostock) und Dr. Wolfgang Kurth (Schwerin) geleitet. Dabei wurden u.a. Informationen und Erfahrungen von Lehrenden und Absolventen der leider nur in Mecklenburg-Vorpommern angebotenen Zusatzqualifikation zum „Facherzieher für Musik“ ausgetauscht, die von der GMP seit Jahren befürwortet und unterstützt wird. Man fragt sich, warum diese Weiterbildungsmaßnahme nicht schon längst von den anderen Bundesländern zum Vorbild genommen worden ist.  

Der erste Fachvortrag der Tagung wurde von dem Kunstpädagogen Prof. Dr. Georg Peez (Universität Duisburg-Essen) übernommen und trug den Titel „Zur Bedeutung des ‚Erfindens’ in gegenwärtigen Konzeptionen der Kunstpädagogik“. Darin gewährte er bewusst „holzschnittartige“ Einblicke in  verschiedene Strömungen der Nachbardisziplin („Bildorientierung“, „Kunstorientierung“, „Subjektorientierung“), die jeweils in kurzen, von Prof. Dr. Heß moderierten Teilnehmerdiskussionen aus musikpädagogischer Perspektive reflektiert wurden.   Besonderes Interesse, gerade auch bei Teilnehmern des AfS-Kongresses, fanden auch die „News 1“, mit denen die Veranstaltungsfolge des ersten Tages beendet wurde. Dr. Thomas Greuel stellte den Teilnehmern das nordrhein-westfälische Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ vor, erläuterte dessen Grundkonzeption sowie historische, bildungspolitische und finanzielle Hintergründe. Kritisch beleuchtete er auch einzelne Problembereiche, die zum Teil erst während des Projektverlaufs konzeptionell geklärt werden müssen (Raumprobleme, Kompetenzprobleme u.a.) und forderte mit Nachdruck die Einbeziehung der Förderschulen in das Programm.  

Im Zentrum der anschließenden Mitgliederversammlung stand die Neuwahl des GMP-Vorstands. Neuer Vorsitzender ist künftig Dr. Thomas Greuel. Als Stellvertreter wurden Dr. Jan-Peter Koch (Käthe-Kollwitz-Gymnasium Rostock) und Dr. Ulrike Kranefeld (Universität Bielefeld) gewählt. Geschäftsführer bleibt Berthold Kloss (Gustav Bosse Verlag, Kassel), die Kassenführung und Mitgliederbetreuung übernimmt Elke Szczepaniak (Universität Würzburg).

   

Am Beginn des zweiten Tages stellten Florian Gatz (Student der Universität zu Köln) und Dr. Christian Hoerburger (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, München) in den „News 2“ einige musikpädagogischen Neuerscheinungen bzw. einen interessanten Schulversuch zur Stärkung des Fachs Musik an bayerischen Hauptschulen vor.   

Albert Kaul (Musikschule Marburg) erläuterte anschließend in einem durch   Videodokumentationen gestützten Vortrag zwei von ihm entwickelte und erprobte „Improvisationsspiele im Instrumentalunterricht und in der Schule“. Grundlegend dafür ist das Improvisationskonzept „Musik direkt“, dessen Leitidee darin besteht, eine von der Gruppe selbst erfundene Geschichte musikalisch zu bearbeiten, während Größe, Alter und Zusammensetzung der Gruppe dabei flexibel gehandhabt werden können.   

Mit „Kompositionsstrategien von Schülergruppen zwischen Klangexperiment und ästhetischer Reflexion“ beschäftigte sich Dr. Ulrike Kranefeld (Universität Siegen). In ihrem Beitrag „Musik erfinden - zu Bildern“ zeigte sie anhand von Beispielen aus einem größer angelegten Forschungsprojekt zum „Musizieren nach Werken bildender Kunst“, wie Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe Musik erfinden, indem sie im Gruppenprozess experimentelles Musizieren und ästhetische Reflexion miteinander verbinden. Durch die Rekonstruktion der kompositorischen Konzepte und Strategien der Schülerinnen und Schüler wurde das didaktische Potenzial solcher ästhetischen Transformationsprozesse für den Musikunterricht deutlich. 

Klangexperimente waren auch das zentrale Thema von Ji-Youn Song (Universität Kassel). Sie demonstrierte mit einer Schülerin live ein von ihr selbst entwickeltes und in der Praxis erprobtes Modell zum „kreativen Gestalten mit Elementen Neuer Musik im Klavieranfangsunterricht". Dabei folgt sie der These, dass kreatives Musikerfinden und entsprechende Methoden zu großer musikalischer Fantasie und einer Öffnung gegenüber Neuer Musik führen. 

Prof. Dr. Hans Schneider (Musikhochschule Freiburg) schloss mit seinem Vortrag „Musik erfinden mit Kindern und Jugendlichen" die Tagung. Schneider möchte die Chancen Neuer Musik nutzen, um Kinder zu sensibilisieren und neue Möglichkeiten des Musikmachens, wie Erfinden oder Realisierung des Erfundenen, zu eröffnen. 

Die für die GMP typische Verbindung von theoretischen und praktischen Aspekten zu einer berufsspartenübergreifenden Thematik, die auf fachlichen Austausch angelegten Diskussionen, die Einbeziehung von „News“ sowie  der Blick über den Tellerrand des eigenen Faches hinaus haben  sich bei dieser insgesamt sehr gelungenen und gut organisierten Tagung in angenehmer, ruhiger Atmosphäre und mit interessanten Vorträgen, Demonstrationen sowie anregenden und intensiven Diskussionen einmal mehr bewährt.